TikTok-Nutzer:innen in Russland bewegen sich in einer Blase ohne Krieg. Was das bedeutet, veranschaulicht ein Versuch von Journalisten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks NRK aus Norwegen. Sie haben zwei Bots auf die Reise durch einen ukrainischen und russischen TikTok-Feed geschickt. Im auf Englisch geführten Interview erklärt Redakteur Christian Nicolai Bjørke, welche technischen Hindernisse sie für die Recherche überwinden mussten – und warum TikTok in Russland eine Zombie-Version seiner selbst ist.

Christian, wenige Wochen nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine habt ihr euch in TikTok-Feeds vertieft. Warum?
Videos auf TikTok haben von Anfang an eine herausragende Rolle im Krieg gespielt. Einige Medien haben es den ersten TikTok-Krieg oder „WarTok“ genannt. Ich konnte den Verdacht nicht loswerden, dass TikTok Nutzer:innen anders behandelt, je nachdem welcher Seite des Konflikts sie angehören. Im Jahr 2021 hatte das Wall Street Journal verschiedene TikTok-Feeds mithilfe von Bots untersucht. Wir fanden das inspirierend und wollten ein ähnliches Projekt machen. Wir hatten schon damit angefnagen, als der Krieg ausbrach. Dann haben wir entschieden, TikTok-Feeds in Russland und der Ukraine zu vergleichen.

Was konnte eure Recherche enthüllen?
Wir wussten schon vorher, dass TikTok Maßnahmen in Russland ergriffen hat. Neue Uploads und Livestreams wurden abgeschaltet. Das hat TikTok am 6. März bekannt gegeben. Als Grund nannte TikTok die Gesetze in Russland gegen „Falschnachrichten“. Wer in Russland Informationen über den Krieg verbreitet, kann verhaftet werden. Was wir aber nicht wussten war, wie sehr TikTok Russland auch von Inhalten aus dem Ausland abgeschirmt hat. Der TikTok-Feed in Russland zeigte bis auf eine Ausnahme überhaupt keine Videos aus dem Krieg. Wir hätten gedacht, dass zumindest ein paar Videos von Außerhalb in den russischen Feed rutschen. Aber nein. TikTok in Russland ist eine Zombie-Version seiner selbst mit vorwiegend alten Videos.

Wie habt ihr das herausgefunden?
Als erstes mussten wir für TikTok den Eindruck erwecken, als hätten wir einen anderen Standort. Dafür haben wir Proxys gekauft. Ein Proxy gab uns einen Standort im ukrainischen Charkiv, ein Proxy im russischen Belgorod. Die Städte liegen an der Grenze und sind nur rund 80 Kilometer voneinander entfernt. Dann haben wir Bots programmiert, die durch die Browser-Version von TikTok navigieren. Um die Geschichte anschaulich zu machen, haben wir den Bots Namen gegeben, als wären sie junge Männer. Alexei aus Russland, Nykolai aus der Ukraine. Die Bots haben wir mit Python programmiert. Ich bin ein ziemlicher Neuling im Datenjournalismus. Ohne meinen Kollegen Henrik Bøe hätte das nicht geklappt. Um automatisch den Browser zu bedienen, haben wir Selenium genutzt. Dann haben wir das Python-Modul BeautifulSoup genutzt, um Daten zu erfassen.

„nicht von TikTok als Bot entlarvt werden“

Von Selenium und BeautifulSoup habe ich schonmal gehört. Die Tools werden in einem Python-Buch für Anfänger:innen besprochen: „Automate The Boring Stuff“ von Al Sweigart. Wie ging es dann weiter?
Eine der schwersten Aufgaben war, nicht von TikTok als Bots entlarvt zu werden. Am Anfang mussten wir immer wieder unterbrechen, um CAPTCHAs zu lösen. Dann haben wir das Verhalten der Bots angepasst, damit sie mit TikTok eher wie ein Mensch interagieren. Insgesamt haben beides Bots zusammen während des Versuchs rund 4.000 Videos geschaut.

Wie habt ihr ausgewertet, was die Bots auf TikTok sehen?
Dafür haben wir Microsoft Azure Cognitive Services genutzt. Das ist eine Software für Bilderkennung. Man erhält eine Liste aus Schlagwörtern, was die Software in den Aufnahmen erkennt, zum Beispiel: Hund, Haus, Panzer. Außerdem hatten wir die Videobeschreibungen und Hashtags. So konnten wir uns einen Überblick verschaffen, wovon die Videos handeln, ohne jedes einzelne zu sichten. Die Daten haben wir mit ElasticSearch und Kibana ausgewertet.

Menschliche TikTok-Nutzer:innen wischen weiter, wenn sie ein Video weniger interessiert. Wie habt ihr das beachtet?
Wir wollten sehen, ob der Bot im russischen TikTok-Feed wirklich keine Clips aus dem Ukraine-Krieg angezeigt bekommt. Also haben wir ihm beigebracht, sich besonders für Militär und Waffen zu interessieren. Diese Videos hat er länger geschaut und gelikt. Am Ende haben wir im russischen Feed aber nur ein Video aus dem Ukraine-Krieg entdeckt. Das war ein kurzer Ausschnitt einer Aufnahme von einer Überwachungskamera, die zeigte, wie eine Rakete ein Gebäude in Charkiv trifft.

Wie viel Ressourcen braucht man für so eine Recherche?
Wir waren überrascht, wie schnell es ging. Ich schätze, Henrik und ich haben dafür ein paar Wochen gebraucht. Eine russischsprachige Praktikantin hat uns beim Übersetzen geholfen, weil wir uns nicht allein auf Google Translate verlassen wollten.

Könnt ihr euch sicher sein, dass eure Beobachtungen für alle Nutzer:innen in Russland und der Ukraine gelten?
Es ist wichtig zu betonen, dass wir keine wissenschaftliche Studie gemacht haben. Es war eine Stichprobe zu einem Zeitpunkt Mitte März. Die Aktivist:innen von Tracking Exposed haben Untersuchungen veröffentlicht, die unsere Beobachtungen stützen. Videos über den Krieg aus dem dem ukrainischen TikTok-Feed konnten wir nicht mit einer russischen IP-Adresse abrufen. Wir haben TikTok gefragt: Zensiert sich TikTok selbst, um nicht mit Russland in Konflikt zu geraten? Die Fragen hat uns TikTok nicht beantwortet. Ich finde, TikTok sollte offen damit umgehen, welche Maßnahmen sie anwenden. Mich würde interessieren, warum sie sich nicht ganz aus Russland zurückgezogen haben.


Die deutsche Pressestelle von TikTok hat auch mir nicht beantwortet, warum sich TikTok nicht aus Russland zurückgezogen hat. Auf die Frage, ob sich TikTok selbst zensiere, verweist eine Sprecherin auf das bereits öffentliche Statement: „Unsere höchste Priorität ist die Sicherheit unserer Mitarbeiter:innen und unserer Nutzer:innen.“ Russland verlangt von vielen großen Tech-Konzernen wie auch TikTok, dass sie Mitarbeiter:innen im Inland beschäftigen.


Andere Plattformen wie Twitter, Facebook, Instagram, Spotify sind in Russland nicht mehr verfügbar. Macht sich TikTok zum Knecht für Zensur durch autoritäre Staaten?
Ich möchte unsere Arbeit für sich selbst sprechen lassen und die Meinung den Kommentator:innen überlassen.

Welche Folgen hatte die Recherche?
Die englische Übersetzung der Recherche wurde viel geteilt und im Newsletter der New York Times erwähnt. Menschen, die nichts über TikTok und Algorithmen wussten, haben mir gesagt, jetzt verstehen wie, wie es funktioniert. Das ist das beste, was man hören kann. Unsere Tools zur Analyse von TikTok-Feeds wollen wir weiter einsetzen.